Papers by Benjamin Scholl

The Immortal Mind - Wort und Wissen Rezensionen, 2026
Nachfolgend eine Rezension von Benjamin Scholl:
Zusammenfassung
Der Neurochirurg Michael Egnor ... more Nachfolgend eine Rezension von Benjamin Scholl:
Zusammenfassung
Der Neurochirurg Michael Egnor hat zusammen mit der auf Kognition spezialisierten Wissenschaftsjournalistin Denyse O‘Leary im Juni 2025 ein neues Buch herausgebracht, das in der Intelligent Design-Bewegung und darüber hinaus einige Bekanntheit erlangt hat: „The Immortal Mind“. Darin geht es um die Frage, ob die klassische Neurowissenschaft die Existenz einer Seele bzw. eines vom Gehirn unabhängigen Geistes widerlegen konnte oder nicht. Dabei stellen die Autoren die typische Sichtweise des strikten Materialismus, d. h. dass die Seele mit dem Gehirn und seinen biochemischen Prozessen identisch ist, der Sichtweise des Dualismus gegenüber, welche davon ausgeht, dass der Mensch einen physischen Körper und zusätzlich einen immateriellen Geist hat.
Letztlich fasst Egnor seine eigene Entdeckungsreise zu diesem Thema so zusammen (S. 120): „Ich habe gelernt, dass die Fähigkeit, frei zu wählen, nicht aus dem Gehirn selbst zu kommen scheint, obwohl unbewusste Versuchungen, die aus dem Gehirn auftauchen, uns ständig bombardieren. Ich erfuhr auch, dass manche Menschen selbst im tiefsten Koma noch klar denken können und mit Hilfe moderner Technik sogar Fragen beantworten können. Ich erfuhr, dass Nahtoderfahrungen erstaunlich häufig vorkommen und dass einige dieser Erfahrungen auftreten, obwohl die Ärzte bestätigt haben, dass das Gehirn überhaupt nicht funktioniert hat. Im Fall von Pam Reynolds konnte ihr Gehirn gar nicht arbeiten, als sie ihre Nahtod-Erfahrung hatte – ihr Herz hatte aufgehört zu schlagen, und ihr Gehirn war nicht mehr durchblutet!“ Damit bleibt laut Egnor festzuhalten, dass es „keinen Grund zu der Annahme gibt, dass die materialistische Neurowissenschaft ‚wissenschaftlicher‘ ist als der traditionelle Dualismus, den sie zu ersetzen hoffte“ (S. 111). Die dualistische Sicht des Geistes ist stattdessen empirisch wesentlich tragfähiger als die materialistische (S. 103).
Wie überzeugend die im vorliegenden Buch angebrachten Argumente insgesamt sind, wird in der folgenden Rezension (22 Seiten) besprochen.

„Sauschnelle“ Evolution im Schweinestall, 2025
Bislang war weitgehend unklar, wie schnell solche Phänotypen (äußere Erscheinungsformen) wie die ... more Bislang war weitgehend unklar, wie schnell solche Phänotypen (äußere Erscheinungsformen) wie die zwischen Wildschwein und Hausschwein unter Zuchtbedingungen evolvieren (Haruda et al. 2025, 2). Daher verglichen Haruda et al. (2025) insgesamt 135
Schädel von Wildschweinen, Deutschem Edelschwein (s. Abb. 3 rechts) und Deutschem (Veredelten) Landschwein (s. Abb. 3 links) je aus dem 20. Jahrhundert und aus dem 21. Jahrhundert in Deutschland und Polen miteinander.
Die Körper- bzw. Schädellänge stieg je nach Schweinerasse auf durchschnittlich ca. 135–152 bzw. 152–156 Prozent des Ausgangswertes an. Obwohl die Zuchtziele nichts mit der Schädelform an sich zu tun hatten, änderte sich diese bei beiden Schweinerassen deutlich und konvergent (d. h. ähnlich, aber unabhängig voneinander).
Haruda et al. (2025, 10) kommentieren: „Somit reicht der Druck der menschlichen Selektion über 100 Generationen aus, um die Phänotypen von Hausschweinen im Vergleich zu zeitgenössischen lokalen Wildschweinpopulationen signifikant zu variieren“.
Perfekte Illusion – wie eine Motte zum Blatt wird, 2025
Bernhard Pflumm & Benjamin Scholl
Besonders bemerkenswert ist die blattartige Tarnung der nachta... more Bernhard Pflumm & Benjamin Scholl
Besonders bemerkenswert ist die blattartige Tarnung der nachtaktiven, fruchtsaftsaugenden Motte Eudocima aurantia („blattimitierende Motte“) aus der Schmetterlingsfamilie Erebidae, die weit über einfache Farb- und Musteranpassungen hinausgeht. Doch wie genau funktioniert die Tarnung dieser Motte aus Südostasien? Ein internationales Forscherteam um Kelley (2025, 1) fand heraus, dass die Flügel dieser Motte eine verblüffend realistische, dreidimensionale Illusion eines echten Blattes erzeugen – obwohl sie eigentlich flach sind – und zwar wahrscheinlich des Blattes des Zitronenbaums, dessen Früchte die Motte gerne besucht. Dies gelingt durch spezielle Nanostrukturen auf den Flügeln.

Qumranrollen bestätigen Zuverlässigkeit des Alten Testaments und Ist das Danielfragment aus Qumran älter als der darin beschriebene Makkabäeraufstand?, 2025
In dem Artikel „The Essence and History of the Masoretic Text“ gibt der weltweit führende Qumran... more In dem Artikel „The Essence and History of the Masoretic Text“ gibt der weltweit führende Qumranexperte Emanuel Tov (2017) eine Art kondensierten Überblick über seine Erkenntnisse bezüglich der Zuverlässigkeit der Überlieferungen des Alten Testaments. Tov war unter anderem ab 1990 auch verantwortlicher Herausgeber des Dead Sea Scrolls Publication Projects zur Erforschung der Handschriften vom Toten Meer, zu denen auch die berühmten Handschriften aus den Qumran-Höhlen gehören (s. Abb. 1).
Besonders bemerkenswert ist, dass die erst im Jahr 2016 mittels micro CT entzifferte En-Gedi-Rolle (3./4. Jh. n. Chr.; Teile von 3. Mose 1–2) „in allen Einzelheiten“ mit dem mittelalterlichen Codex Leningradiensis übereinstimmt (Tov 2017, 13f). Auch für andere Proto-Masoretische Texte gilt, dass sie genauso ähnlich zu den mittelalterlichen masoretischen Handschriften sind wie diese untereinander (S. 14). Der Unterschied liegt grob geschätzt bei maximal 2 Prozent der Wörter des Textes und bezieht sich auf „Details der Rechtschreibung, kleine sprachliche Unterschiede und winzige inhaltliche Unterschiede“ (Tov 2017, 14).
In einer aktuellen Studie haben Wissenschaftler zahlreiche Manuskripte vom Toten Meer (4. Jh. v. Chr. bis 2. Jh. n. Chr.) neu mittels C-14-Datierung und mithilfe eigens entwickeltem AI-Datierungssystem Enoch vorgenommen. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass diese beiden Datierungsverfahren in der Regel höhere Alter angeben, als das traditionelle Datierungsverfahren mittels Schriftvergleich (Paläographie). Dies hat zur Folge, dass möglicherweise das komplette Datierungssystem mit „hasmonänischen“ und „herodianischen“ Schriften überarbeitet werden muss. Besonders spannend ist aber, dass auch das Danielfragment 4Q114 sowohl mittels AI als auch mittels C14 deutlich älter datiert wurde als noch bisher. Wenn die Datierungsverfahren stimmen sollten, ist es wahrscheinlich deutlich älter als der darin beschriebene Makkabäeraufstand.

Sahelanthropus – zweibeiniger Vormensch oder vierfüßiger Großaffe? , 2025
War Sahelanthropus ein zweibeiniger „Vormensch“ (Hominine) oder ein vierfüßig gehender Großaffe? ... more War Sahelanthropus ein zweibeiniger „Vormensch“ (Hominine) oder ein vierfüßig gehender Großaffe? Aufgrund neu beschriebener Fossilien ist der Streit um den ältesten fossilen Homininen Sahelanthropus neu entbrannt.
Sahelanthropus gilt häufig als ältester „Vormensch“ (Hominine), der schon dauerhaft aufrecht gegangen sei. Allerdings war diese Deutung auf der Basis der bisherigen Funde von Schädel und Gebiss nie valide begründet gewesen, da die relevanten Merkmale (vorne liegendes Hinterhauptsloch und „Affenlücke“) auch bei heutigen und ausgestorbenen Großaffen auftreten. Neu bekannt gewordene Fragmente von Oberschenkel- bzw. Ellenknochen unterstützen die Sicht, dass Sahelanthropus sehr wahrscheinlich nicht dauerhaft zweibeinig ging und auch kein Hominine war. Sahelanthropus lässt sich am besten als eigenständige Gruppe von Großaffen deuten – statt als früher „Vormensch“.
Vom urtümlichen Fossil zur Bienenwabe. Wenn es auf 500 Millionen Jahre nicht ankommt, 2025
Ein vermeintlich präkambrisches Fossil von Dickinsonia aus Indien, das auf ca. 550 Mio. Jahre dat... more Ein vermeintlich präkambrisches Fossil von Dickinsonia aus Indien, das auf ca. 550 Mio. Jahre datiert wurde, stellte sich im Nachhinein als Überrest von Bienenwaben aus heutiger Zeit heraus. Im Zuge der Diskussion wurde die Datierung eines ganzen, riesigen geologischen Schichtverbandes (Vindhyan Supergroup) in Indien enorm verändert: Von ungefähr 1.000 Millionen radiometrischen Jahren (MrJ) auf 550 MrJ und wieder zurück zu 1.000 MrJ – offenbar theoriegeleitet und nicht von den Daten erzwungen. Erstaunlicherweise findet sich von diesem Fall extremer Flexibilität von Datierungen nichts in der deutschen Wissenschaftspresse.
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Der Neurochirurg Michael Egnor hat zusammen mit der auf Kognition spezialisierten Wissenschaftsjournalistin Denyse O‘Leary im Juni 2025 ein neues Buch herausgebracht, das in der Intelligent Design-Bewegung und darüber hinaus einige Bekanntheit erlangt hat: „The Immortal Mind“. Darin geht es um die Frage, ob die klassische Neurowissenschaft die Existenz einer Seele bzw. eines vom Gehirn unabhängigen Geistes widerlegen konnte oder nicht. Dabei stellen die Autoren die typische Sichtweise des strikten Materialismus, d. h. dass die Seele mit dem Gehirn und seinen biochemischen Prozessen identisch ist, der Sichtweise des Dualismus gegenüber, welche davon ausgeht, dass der Mensch einen physischen Körper und zusätzlich einen immateriellen Geist hat.
Letztlich fasst Egnor seine eigene Entdeckungsreise zu diesem Thema so zusammen (S. 120): „Ich habe gelernt, dass die Fähigkeit, frei zu wählen, nicht aus dem Gehirn selbst zu kommen scheint, obwohl unbewusste Versuchungen, die aus dem Gehirn auftauchen, uns ständig bombardieren. Ich erfuhr auch, dass manche Menschen selbst im tiefsten Koma noch klar denken können und mit Hilfe moderner Technik sogar Fragen beantworten können. Ich erfuhr, dass Nahtoderfahrungen erstaunlich häufig vorkommen und dass einige dieser Erfahrungen auftreten, obwohl die Ärzte bestätigt haben, dass das Gehirn überhaupt nicht funktioniert hat. Im Fall von Pam Reynolds konnte ihr Gehirn gar nicht arbeiten, als sie ihre Nahtod-Erfahrung hatte – ihr Herz hatte aufgehört zu schlagen, und ihr Gehirn war nicht mehr durchblutet!“ Damit bleibt laut Egnor festzuhalten, dass es „keinen Grund zu der Annahme gibt, dass die materialistische Neurowissenschaft ‚wissenschaftlicher‘ ist als der traditionelle Dualismus, den sie zu ersetzen hoffte“ (S. 111). Die dualistische Sicht des Geistes ist stattdessen empirisch wesentlich tragfähiger als die materialistische (S. 103).
Wie überzeugend die im vorliegenden Buch angebrachten Argumente insgesamt sind, wird in der folgenden Rezension (22 Seiten) besprochen.
Schädel von Wildschweinen, Deutschem Edelschwein (s. Abb. 3 rechts) und Deutschem (Veredelten) Landschwein (s. Abb. 3 links) je aus dem 20. Jahrhundert und aus dem 21. Jahrhundert in Deutschland und Polen miteinander.
Die Körper- bzw. Schädellänge stieg je nach Schweinerasse auf durchschnittlich ca. 135–152 bzw. 152–156 Prozent des Ausgangswertes an. Obwohl die Zuchtziele nichts mit der Schädelform an sich zu tun hatten, änderte sich diese bei beiden Schweinerassen deutlich und konvergent (d. h. ähnlich, aber unabhängig voneinander).
Haruda et al. (2025, 10) kommentieren: „Somit reicht der Druck der menschlichen Selektion über 100 Generationen aus, um die Phänotypen von Hausschweinen im Vergleich zu zeitgenössischen lokalen Wildschweinpopulationen signifikant zu variieren“.
Besonders bemerkenswert ist die blattartige Tarnung der nachtaktiven, fruchtsaftsaugenden Motte Eudocima aurantia („blattimitierende Motte“) aus der Schmetterlingsfamilie Erebidae, die weit über einfache Farb- und Musteranpassungen hinausgeht. Doch wie genau funktioniert die Tarnung dieser Motte aus Südostasien? Ein internationales Forscherteam um Kelley (2025, 1) fand heraus, dass die Flügel dieser Motte eine verblüffend realistische, dreidimensionale Illusion eines echten Blattes erzeugen – obwohl sie eigentlich flach sind – und zwar wahrscheinlich des Blattes des Zitronenbaums, dessen Früchte die Motte gerne besucht. Dies gelingt durch spezielle Nanostrukturen auf den Flügeln.
Besonders bemerkenswert ist, dass die erst im Jahr 2016 mittels micro CT entzifferte En-Gedi-Rolle (3./4. Jh. n. Chr.; Teile von 3. Mose 1–2) „in allen Einzelheiten“ mit dem mittelalterlichen Codex Leningradiensis übereinstimmt (Tov 2017, 13f). Auch für andere Proto-Masoretische Texte gilt, dass sie genauso ähnlich zu den mittelalterlichen masoretischen Handschriften sind wie diese untereinander (S. 14). Der Unterschied liegt grob geschätzt bei maximal 2 Prozent der Wörter des Textes und bezieht sich auf „Details der Rechtschreibung, kleine sprachliche Unterschiede und winzige inhaltliche Unterschiede“ (Tov 2017, 14).
In einer aktuellen Studie haben Wissenschaftler zahlreiche Manuskripte vom Toten Meer (4. Jh. v. Chr. bis 2. Jh. n. Chr.) neu mittels C-14-Datierung und mithilfe eigens entwickeltem AI-Datierungssystem Enoch vorgenommen. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, dass diese beiden Datierungsverfahren in der Regel höhere Alter angeben, als das traditionelle Datierungsverfahren mittels Schriftvergleich (Paläographie). Dies hat zur Folge, dass möglicherweise das komplette Datierungssystem mit „hasmonänischen“ und „herodianischen“ Schriften überarbeitet werden muss. Besonders spannend ist aber, dass auch das Danielfragment 4Q114 sowohl mittels AI als auch mittels C14 deutlich älter datiert wurde als noch bisher. Wenn die Datierungsverfahren stimmen sollten, ist es wahrscheinlich deutlich älter als der darin beschriebene Makkabäeraufstand.
Sahelanthropus gilt häufig als ältester „Vormensch“ (Hominine), der schon dauerhaft aufrecht gegangen sei. Allerdings war diese Deutung auf der Basis der bisherigen Funde von Schädel und Gebiss nie valide begründet gewesen, da die relevanten Merkmale (vorne liegendes Hinterhauptsloch und „Affenlücke“) auch bei heutigen und ausgestorbenen Großaffen auftreten. Neu bekannt gewordene Fragmente von Oberschenkel- bzw. Ellenknochen unterstützen die Sicht, dass Sahelanthropus sehr wahrscheinlich nicht dauerhaft zweibeinig ging und auch kein Hominine war. Sahelanthropus lässt sich am besten als eigenständige Gruppe von Großaffen deuten – statt als früher „Vormensch“.