Auch wenn man fest davon überzeugt ist, dass Selfies die niedrigste Form aller künstlerischen Ausdrucksweisen sind, kommt man um wiederholte Diskussionen über die Werte oder den Werteverfall, den sie verkörpern, nicht herum. Der...
moreAuch wenn man fest davon überzeugt ist, dass Selfies die niedrigste Form aller künstlerischen Ausdrucksweisen sind, kommt man um wiederholte Diskussionen über die Werte oder den Werteverfall, den sie verkörpern, nicht herum. Der Widerwille gegenüber den Selfies hat seinen Ursprung in einem ethischen Instinkt, der alles auf die Ernsthaftigkeit der Absicht prüft; und diese Ablehnung des Selfies als oberflächlich, selbstverliebt und kindisch ist in sich ein Selbstportrait des Gegners als solider Bürger, für den Kunst eine höhere Funktion hat als die Selbstvermarktung und die Zerstörung aller ästhetischen Werte. Denn so viel ist richtig: das Selfie verlangt nichts weniger als die Vernichtung aller früheren Kunstformen. Dadurch beansprucht es, die erste Kunstform im Zeitalter des Netzwerks zu sein. Gibt es irgendjemanden, der das hier liest und der in den letzten 24 Stunden zu keiner Zeit online war? Die Frage ist: wie fühlt sich das an? Vielleicht fühlt es sich nicht mehr wie beim ersten Mal an, weil wir schon so sehr daran gewöhnt sind. Bei genauerem Hinsehen unterscheidet es sich jedoch ziemlich von den meisten anderen Dingen. Wenn ich an meinem Schreibtisch sitze, kann ich sagen, dass das Buch näher zu mir liegt als die Kaffeetasse und dass der Sessel weiter weg steht als das Telefon. Aber was bedeutet es zu sagen, dass online etwas näher oder weiter weg ist? Online lassen sich Entfernungen nicht in Metern oder Fuß messen, sondern in Klicks. Wie viele Klicks braucht es, um das Buch, das ich will, bei Amazon zu bekommen? Wie oft muss ich über den Bildschirm streichen, bis ich bei den Nachrichten angelangt bin? Dieser Unterschied lässt folgern, dass in der Welt des Internets eine andere Logik operiert, und darauf basierend entsteht die Forderung nach einer Kunst, die diese Veränderung verarbeitet, indem sie sie zur Erfahrungsmöglichkeit macht. Nicht nur weil die früheren Kategorien des Raums (nah / weit, oben /unten, davor / dahinter) im Raum des Netzwerks nicht zu greifen scheinen, sondern auch, weil für andere binäre Kategorien dasselbe gilt. Klassifizierungen wie "gut" und "schlecht", "Original" und "Kopie" und so fort sind online unwichtiger als Fragen nach der Anzahl der "Likes", die ein Selfie bekommt, wie es gehashtagged ist, wie es retweetet und geteilt wird. Solche Erwägungen, und nicht die Fragen nach dem ästhetischen Anreiz, entscheiden über seine Wirkung. Für Walter Benjamin ist "die Sprache die höchste Verwendung des mimetischen Vermögens; [da] sie nun das Medium darstellt, in dem sich die Dinge … begegnen und zueinander in Beziehung treten." 1 Für Benjamin ist die Sprache der Schmelztiegel allen Lebens, da sie gleichzeitig Ausdruck von Rationalität als auch von Fantasie und Sinnlichkeit ist. Doch diese Art zu denken wird zunehmend 1 Walter Benjamin, "Lehre vom Ähnlichen", Gesammelte Schriften II, Frankfurt a. M. 1985: 209.