Gegenstand Der Begriff D. ist eine Selbstbeschreibung von Gesellschaften, die für ihre Funktionen und Leistungen zunehmend Netzwerke und Computer verwenden. Gesellschaftliche Wirklichkeit und Problemlagen waren seit Mitte des 20....
moreGegenstand Der Begriff D. ist eine Selbstbeschreibung von Gesellschaften, die für ihre Funktionen und Leistungen zunehmend Netzwerke und Computer verwenden. Gesellschaftliche Wirklichkeit und Problemlagen waren seit Mitte des 20. Jahrhunderts in den digitalen Raum verschoben worden, zunächst in Wissenschaft und Militär, dann in Grossunternehmen und in Verwaltungen. Die Karriere des Begriffs D. setzt Mitte der 1980er Jahre ein, als auch in den Medien, im Kleingewerbe und im Privaten neue kommunikative Interaktionsformen nutzbar wurden. Voraussetzung war die Verbreitung des Personal Computers, die Entwicklung rechnergestützter Telekommunikation und die Kommodifizierung von Information. Die D. löste im Verbund mit der Konsum-, der Informations-und der Wissensgesellschaft die Industriegesellschaft als dominante gesellschaftliche Selbstbeschreibungsform ab und erfasste alle sozialen Schichten und Lebensbereiche. Sie forciert eine an digitale Medien gekoppelte Form der Kommunikation und erneuert bisher geltende Selbstverständlichkeiten von dem, was Gesellschaft ist und welche individuelle Identität möglich ist. Politik Für die D. gilt in Bezug auf das Politische Ähnliches wie für die Pathogenese der bürgerlichen Gesellschaft (Koselleck). Sie wird aus ihren Korrespondenzen heraus politisch. Aus kleinen, rechnergestützten Diskussionszirkeln von Spezialisten (Nutzergruppen, Administratoren, Entwickler) entstehen so genannte digitale Gesellschaften im Weichbild von Rechenzentren, Forschungsanlagen und Dienstleistungsbetrieben der digitalen Infrastruktur. Sie teilen ihr Interesse am Betrieb und ihr Wissen um Maschinen, Software und Daten, debattieren gemeinsame Anwendungsprobleme, Nutzerroutinen oder Datenbanken und beginnen eine " digitale Gesellschaft " zu imaginieren. In der Regel haben sie einen projektförmigen, schwachen Organisationsgrad. Als Entwicklergemeinschaften sind sie meritokratisch orientiert, mit Rollen, die meistens nur für Konferenzen, Publikationen, Expertisen und Offerten ausdifferenziert werden. Ihre Nähe zum Betrieb eines technischen Systems hat eine inhaltlich stark bindende Wirkung. Aus dieser spezialisierten Kommunikationssphäre leitet sich bereits ein besonderes Verhältnis zwischen dem Individuellen und dem Kollektiven bzw. zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen ab. Die Nutzer-und Betreibergemeinschaft legt Regeln der Mitgliedschaft und des angemessenen Verhaltens fest, sie bestimmt, was möglich und erlaubt ist und was als Fehler und Fehlverhalten sanktioniert werden muss. Damit wird die Sozietät (Club, Assoziation, Community, Netzwerk) aus sich heraus politisch und verallgemeinert ihr Regelwerk für eine D. jenseits ihrer eigenen Zwecksetzung. Umgekehrt begannen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts bestehende gesellschaftliche Institutionen ihre Regeln mit Hilfe von rechnergestützten Verfahren, also digital zu legitimieren: Aus Rechenschafts-und Geschäftsberichten wurde ein laufendes Reporting, das auf Management Informationssystemen (MIS) fusst; die rechnergestützte Verwaltung wird als E-Government auf den politischen Entscheidungsprozess ausgedehnt; soziale Bewegungen und Organisationen der Zivilgesellschaft nutzen die Mobilisierungs-und Dokumentationsleistung vernetzter