
Erika Maria Sottile
My work unfolds at the crossroads between German literature, psychoanalysis, and modernity. Educated in Venice and Bologna, I hold two Master’s degrees — in German Studies from Ca’ Foscari University and in Italian Studies from the University of Bologna — as well as C2 certifications in both German and English. My academic path has been shaped by research stays at the Deutsches Literaturarchiv in Marbach and by extended study periods in Germany, experiences that have grounded my approach in both rigorous scholarship and cultural immersion.
I am particularly interested in the ways literature thinks about the unconscious, history, and trauma. My current research explores the dialogues between writers such as Kleist, Büchner, Lenz, Brecht, and Celan, tracing how their works challenge notions of form, voice, and testimony in the modern age.
Beyond research, I teach German language and culture at a linguistic high school in Italy, where I see teaching as a form of intellectual translation — a daily exercise in bringing theory into life. My recent publications include essays on Heiner Müller, Paul Celan, Heinrich von Kleist, and Georg Büchner, published or forthcoming in treibhaus, Humanitas, Quaderni di Studi Indo-Mediterranei, and Lithos.
Supervisors: Claus Zittel, Luca Crescenzi, and Andreina Lavagetto.
I am particularly interested in the ways literature thinks about the unconscious, history, and trauma. My current research explores the dialogues between writers such as Kleist, Büchner, Lenz, Brecht, and Celan, tracing how their works challenge notions of form, voice, and testimony in the modern age.
Beyond research, I teach German language and culture at a linguistic high school in Italy, where I see teaching as a form of intellectual translation — a daily exercise in bringing theory into life. My recent publications include essays on Heiner Müller, Paul Celan, Heinrich von Kleist, and Georg Büchner, published or forthcoming in treibhaus, Humanitas, Quaderni di Studi Indo-Mediterranei, and Lithos.
Supervisors: Claus Zittel, Luca Crescenzi, and Andreina Lavagetto.
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Talks by Erika Maria Sottile
„Es lebe der König!“ – Luciles Schrei als klangliches Gegenwort zwischen Büchner und Celan
Luciles Schrei „Es lebe der König!“ am Ende von Georg Büchners Dantons Tod stellt einen Moment der akustischen und semantischen Zerrissenheit dar: ein Schwanken zwischen Wort und Geräusch, zwischen Sprache und Stille. Dieser Beitrag beabsichtigt, den phonischen und expressiven Wert dieses Schreis als Form eines Gegenworts im Licht der poetologischen Reflexion von Paul Celan, insbesondere in der Rede Der Meridian, zu untersuchen.
Lucile, die der Hinrichtung ihres Mannes Camille Desmoulins beiwohnt, ist von einem Schmerz überwältigt, der jede Logik übersteigt. Ihr Schrei – scheinbar historisch sinnlos, gegen die Werte der Revolution gerichtet – ist ein Akt der Rebellion, der Züge einer radikalen Freiheit annimmt, ein Wort als Widerstand. Der paradoxe Ausruf „Es lebe der König!“ ist, wie Celan bemerkt hat, ein Klang, der schon fast ein Schweigen ist, ein erstickter Schrei, ein unterbrochener Atemzug. In diesem Sinne verbindet sich dieser Ausruf mit der Idee der Atemwende: dem Moment der „Pause“ zwischen einem Atemzug und dem nächsten, in dem der Dichter die Geschichte atmet, um sie in Poesie zu verwandeln.
In Der Meridian stellt Celan eine explizite Verbindung zwischen Luciles Schrei und dem psychischen Zusammenbruch des Protagonisten in Büchners Lenz her. Er etabliert damit eine thematische Kontinuität zwischen dem Abstieg in den historischen und existenziellen Abgrund und der Geburt des poetischen Wortes. Für Celan muss die Dichtung die Geschichte durchqueren, ihre Brutalität aufnehmen; sie muss Durchgangswort sein: ein Wort, das hindurchgeht. In diesem Sinne ist Luciles Schrei, wie derjenige von Lenz, zugleich Zeugnis und Schöpfung, Überleben und Kunst.
Durch eine Analyse, die dramatische, poetische und akustische Elemente miteinander verknüpft, zeigt dieser Beitrag, wie die zersplitterte Stimme von Lucile zu einem Paradigma für eine Poesie wird, die sich von der Krise, dem Schrei und dem unterbrochenen Atem nährt. Bei Celan durchzieht diese klangliche Erfahrung auch seine Lyrik: Was von der Stimme bleibt, ist ein Hauch, ein Echo, ein artikuliertes Schweigen, das die Erinnerung an die Geschichte in sich trägt. Der Schrei von Lucile ist daher nicht nur ein Akt der Sprache, sondern eine Klanggeste, die eine Poetik des Widerstands im Klang formt.
Von „Graubünden“ zum „Gebirg“. Celans Streichung als intertextueller und philosophischer Akt
Abstract
Die im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrten Fassungen von Gespräch im Gebirg dokumentieren eine markante Streichung: Der ursprünglich vorgesehene Titel Gespräch in Graubünden wurde von Celan eigenhändig getilgt und durch Gespräch im Gebirg ersetzt. Diese materiale Spur im Manuskript ist nicht nur editorisch interessant, sondern verweist auf einen poetischen Akt von hoher Tragweite.
Durch die Eliminierung des konkreten Toponyms („Graubünden“) und die Ersetzung durch die abstraktere Kategorie („Gebirg“) setzt Celan seinen Text in eine intertextuelle Beziehung zu Georg Büchners Lenz („Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg“) und eröffnet zugleich einen Raum philosophischer Resonanz.
Die Streichung operiert hier als Akt produktiver Negativität: Sie negiert den geographischen Ort, um eine symbolisch überdeterminierte Figur einzusetzen. Das „Gebirg“ evoziert Heideggers Vokabular, das Celan kritisch reinszeniert, und nähert sich zugleich dem von Adorno beschriebenen Wahrheitsgehalt hermetischer Lyrik, der „durch Verschweigen“ entsteht. Die Streichung wird damit zur Spur im derridaschen Sinne: ein Zeichen des Fehlens, das Sinn generiert, indem es eine Leerstelle belässt.
Der Vortrag möchte zeigen, wie sich in dieser einzelnen Tilgung mehrere Ebenen verschränken: die intertextuelle Bezugnahme auf Büchner, die poetische Reflexion über Sprache und Negativität sowie die ethische Dimension einer Dichtung nach Auschwitz, die das Unsagbare nur im Modus der Negation artikulieren kann. Die in Marbach überlieferten Manuskripte belegen exemplarisch, dass Celans Poetik gerade aus dem Akt der Streichung ihren kreativen Impuls gewinnt: Sie streicht, um zu erinnern; sie verschweigt, um Wahrheit sagbar zu machen.
Papers by Erika Maria Sottile
Se, difatti, oggi venisse sulla terra, sostiene Celan, un uomo «con la barba di luce dei patriarchi», egli non potrebbe proferire alcuna parola dotata di significato; dalla sua bocca uscirebbe solo un rantolo o un balbettio, un suono privo di senso come il «Pallaksch» di Hölderlin, che significa al contempo sia sì che no, o come i balbettii di Woyzeck durante le sue allucinazioni. La poesia di Celan mette in luce come la lirica del suo tempo non possa più essere parola, ma, appunto, controparola («Gegenwort»), ossia un qualcosa di privo di ogni referenzialità col reale, di opposto ad esso.
È attraverso il ricorso al Gegenwort che Celan fa riferimento, in particolare, a Lenz, che – come racconta Büchner nell’omonima novella – era solito «camminare sulla testa», ossia porsi in un atteggiamento di contrapposizione alla realtà circostante. Gegenworte sono, ancora, il «Pallaksch» di Hölderlin e le allucinazioni di Woyzeck nel dramma büchneriano, tutte raccolte in Tübingen, Jänner.
La poesia, sostiene Celan, è un atto rivoluzionario che può nascere solo in un tentativo disperato di reagire a una realtà divenuta insopportabile. L’obiettivo di tale contributo è dunque analizzare la risposta poetica di Celan e del suo Gegenwort alle brutalità del Secondo conflitto mondiale.
für sein Welt- und Geschichtsbild. Die Gewalt, die sein Vater, ein sozialdemokratischer
Funktionär, durch die nationalsozialistische SA erleiden musste, und seine spätere Entscheidung, die DDR zu verlassen, verarbeitet Müller nicht nur als persönliches
Trauma, sondern auch als universelle Metapher für historische, politische und
menschliche Dynamiken, die sein gesamtes Werk durchziehen.
Das Prosafragment ist nicht nur eine biografische Erinnerung, sondern der generative
Kern, aus dem sich Müllers gesamtes theatrales Imaginäres entwickelt. Die
Urfragmentierung zwischen Individuum und Macht, zwischen Hoffnung und
Desillusionierung wird in seinen dramatischen Texten in geisterhafte Figuren und
Situationen übersetzt, die eine universelle Geschichte von Unterdrückung, Schuld und
Rache verkörpern. Die Erzählung von der Verhaftung des Vaters wird so zu einem
Paradigma, das die Dynamik von Konflikt und Verrat, die Müllers Theater zugrunde
liegt, beleuchtet und die enge Verbindung zwischen seiner Biografie und seinem
Kunstverständnis offenbart.
Der Vater ist nicht nur ein persönliches Dokument, sondern auch der Ausgangspunkt für das Verständnis von Müllers der überwältigenden Fülle historischer und individueller Erfahrungen, die sein Schreiben kennzeichnet. Die Prosa wird zu einem wesentlichen dramaturgischen Mittel, zu einem Terrain, auf dem Müller die Trümmer
seines Lebens und des Nachkriegsdeutschlands ausbreitet, um dann kahle und
verwüstete theatralische Szenarien zu konstruieren, die keine Lösungen anbieten,
sondern eine unerbittliche Konfrontation mit den Wunden der Geschichte.
Diese Prosa zu verstehen, bedeutet also, das Wesen von Müllers Theater zu verstehen,
seine Art, den Gespenstern der Vergangenheit eine Stimme zu geben und sie in Instrumente zu verwandeln, um die Gegenwart zu befragen. Anhand von Der Vater wird deutlich, wie die Erzählung des persönlichen Traumas die unverzichtbare Wurzel für die Konstruktion jenes Theaters ist, das sich zwischen die Masken und die Entlarvung einer universellen Geschichte stellt, die als ein unendliches Gemetzel konzipiert ist.